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Proseminar „(Über) Unrecht erfahren“ 2026: Rückblick auf den historischen Moot Court zur NS-Spätverfolgung

Proseminar „(Über) Unrecht erfahren“ 2026: Rückblick auf den historischen Moot Court zur NS-Spätverfolgung

© Lynn Bosse
Nur die Schreibmaschine war noch vor Ort dabei.

Wie verarbeitet man Unrechtserfahrungen vergangener Zeiten? Und wie lässt sich dies in die universitäre Ausbildung künftiger Juristinnen und Juristen überführen? Dieser Frage widmete sich der historische Moot Court, der am 2. Juli 2026 im Rahmen des Proseminars „(Über) Unrecht erfahren“ stattfand.

Ausgangspunkt war ein historischer Fall aus der Zeit des Nationalsozialismus: die Tätigkeit von Irmgard F. als Schreibkraft im Kommandaturstab des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig (heute Polen). Nachdem Irmgard F. jahrzehntelang ein unbescholtenes Leben in der Bundesrepublik geführt hatte, wurde sie 2015 von ihrer Vergangenheit eingeholt. Nach mehrjähriger Ermittlungsarbeit erhob die Staatsanwaltschaft Itzehoe 2021 Anklage gegen Irmgard F.  wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Mord in 10.500 Fällen. Das erste Mal in der Geschichte der juristischen Aufarbeitung des NS-Unrechts stand eine Zivilangestellte eines Konzentrationslagers vor Gericht.

„(Über) Unrecht erfahren“ ist ein von Prof. Dr. Margrit Seckelmann und Prof. Dr. Sascha Ziemann entwickeltes Lehrformat, bei dem Studierende eine rekonstruierte Gerichtsverhandlung aus der Vergangenheit nachstellen und begleitend über die Fragen von Recht und Unrecht sowie individueller Vorwerfbarkeit bei Systemunrecht reflektieren. Der Moot Court soll § 5a Abs. 2 S. 3 (2. Hs.) des Deutschen Richtergesetzes mit Leben füllen, welcher eine Auseinandersetzung mit Unrecht der NS- und der SED-Diktatur als Bestandteil der juristischen Ausbildung etabliert. Die Veranstaltung ist anerkannte Lehrveranstaltung zur Vorbereitung auf die Studienarbeit i.S.v. § 9 Abs. 1 S. 2 u. 3 SPPO.

Zu Beginn des Semesters wurden die Rollen der Verfahrensbeteiligten unter den Studierenden zugelost. Neben der Rolle der Angeklagten und der von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage wurden auch die Rollen von zwei rechtsphilosophischen Expertinnen und Experten verteilt, die in die historischen Hintergründe und in die Frage eines Umgangs mit Systemunrecht unter Heranziehung verschiedener rechtsphilosophischer Theorien einführen sollten. Neben den Wortbeiträgen für die abschließende Gerichtssimulation hatten die Studierenden ein schriftliches Kurzgutachten zur juristischen Würdigung einzureichen, die in einer vorbereitenden Sitzung gemeinsam erörtert wurde.

 

Die Verhandlung 

Am 2. Juli 2026 war es dann soweit: Der Moot Court Raum füllte sich mit den Prozessparteien und einem interessierten Publikum. Zunächst führte Prof. Sascha Ziemann in die historische Situation der NS-Spätverfolgung von NS-Unrecht ein, die dem Sachverhalt zugrunde lag. Dann wurde die Sache aufgerufen, alle erhoben sich und das Gericht zog ein. Der (fiktive) 20. Prozesstag des Verfahrens gegen Irmgard S. begann. Der Prozess startete mit dem Ende der Beweisaufnahme, in der zunächst die Angeklagte eine Einlassung machte und sodann die Sachverständigen Frau Dr. Kelsen und Herr Dr. Radbruch vernommen wurden. Nach dem Ende der Beweisaufnahme folgten die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der (anwaltlich vertretenen) Nebenklage und der Verteidigung. Der Angeklagte hatte wie immer das letzte Wort.

Ein besonderes Highlight der Veranstaltung war die Leitung der Gerichtsverhandlung durch RiAG Dr. Christine Franzius, derzeit abgeordnet an das Landgericht Itzehoe. Auf Einladung von Prof. Seckelmann brachte sie ihre richterliche Erfahrung ein und konnte dem Moot Court einen authentischen Charakter verleihen.

Den Abschluss der Verhandlung bildete selbstverständlich das Gerichtsurteil. Über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entschied das Publikum, das hier – unter Entlehnung von Elementen des angloamerikanischen Rechts – als Jury fungierte. Die Abstimmung lautete, für einige überraschend: nicht schuldig.

 

Ausblick

Das Proseminar wird im Sommersemester 2027 mit einem anderen historischen Fall fortgesetzt.

 

Eindrücke

Eindrücke von der Veranstaltung können unter diesem Link angeschaut werden.